Wo ist das Skelett deiner Geschichte?

Brich herunter und bau wieder auf, erschaffe aus Altem etwas Neues und mach was draus 🙂

Der Begriff „Upcyceln“ wird dir sicher etwas sagen. Du nimmst dafür etwas Altes und erschaffst etwas Neues damit. Dadurch entstehen Möbel der anderen Art ebenso wie kreative Werke oder vielleicht gar ein neues Heim für Streunerkatzen.
Upcyceln hat den Vorteil, Dinge nicht wegwerfen zu müssen, sondern sie umzuarbeiten und einem neuen Zweck zuzuführen.

Hast du je den Roman „the Circle“ gelesen oder den Film dazu gesehen?
Vergleich ihn einmal mit dem Roman „schöne neue Welt“ und du wirst verschiedene Parallelen finden, die einen gründlich irritieren und erschrecken können. Als dritter Kernpunkt käme noch „1984“ in dieses „Triumvirat“.
Inwieweit die Autoren nun voneinander abgeschrieben haben sei dahingestellt, einander beeinflusst haben sie sich vermutlich schon in der ein oder anderen Weise.

Sieh dir die gesamte Literatur an, du wirst im Großen und Ganzen eine Handvoll von „klassischen Texten“ finden, die sich in den verschiedenen Ausprägungen immer wieder zeigen. Ungewöhnlichere Texte sind eher selten, zumal so vieles schon geschrieben wurde 😉

Wenn du alles Fleisch um eine Geschichte weglässt, bleibt im Grunde nur ein „Skelett“, eine Grundidee, übrig. Hier sind ein paar Beispiele:

„die unendliche Geschichte“
Die Phantasie ist eine Parallelwelt und diese wird zerstört. Ein einziges Menschenkind wird zum Retter und baut die Parallelwelt wieder auf.

„Friedhof der Kuscheltiere“
Neu zugezogene Familie verliert den Hauskater und begraben ihn auf einem „magischen“ Grundstück. Das zurückkehrende Tier hat sich verändert und bringt den Tod mit sich.“

„Dracula“
Ein Blutsauger sucht eine neue Heimat, wo er sich an seine neuen Opfer heranmacht.

Im Grund kannst du das mit wirklich jeder Geschichte machen. In allen steckt ein Grundkern, eine Art Skelett. An dieses Skelett kommen Fasern, Muskeln, Haut und schlussendlich ein hübsches Kleid – das Ergebnis, das wir dann zu lesen bekommen.

Du kennst sicher das Märchen „Rotkäppchen“. Wie viele Filme kamen in den letzten Jahren heraus, die auf diesem Märchen beruhen? So kannst du das auch mit anderen Märchen sehen, wo eine „Grundgeschichte“ verarbeitet, verändert und manchmal komplett neu interpretiert wurde.

Was ist dein Lieblingsroman bzw. deine Lieblingsgeschichte? Wie würdest du das Skelett in maximal zwei Sätzen beschreiben?

Wenn du einmal keine Idee hast, um etwas Neues zu schreiben, dann nimm deine Lieblingsstory und nimm ihr das Kleid weg. Somit fallen beispielsweise Unterhaltungen weg, weil diese mit einem kurzen Kommentar abgetan werden, oder Beschreibungen können abgekürzt werden. Somit kannst du aus einer Geschichte mit beispielsweise 300 Seiten auf vielleicht 200 Seiten herunterbrechen.
Als Nächstes nimmst du die Haut weg. Wo kannst du jetzt die Geschichte kürzen? Nimm beispielsweise Handlungsstränge weg, die für die Geschichte selber nicht wichtig sind, oder such dir Figuren raus, die für die Story nicht von Bedeutung sind.
Nun betrachte die Muskelfasern und löse diese. Damit kannst du weitere Seiten lösen. Das mag eine brutale und brachiale „Löschung“ wichtiger Themen sein, aber sie sind für das Skelett selber nicht mehr wichtig.

So bleiben dir vielleicht noch 1 oder 2 A4-Seiten über. Von diesen Überbleibseln kannst du wieder vieles streichen und dadurch kommst du an die tatsächlichen Fragmente, mit denen ein Schreiberling vielleicht einst begann. Wenn beispielsweise 10 Personen dies mit einer Geschichte machen, muss aber nicht unbedingt die gleiche Fragmentur übrig bleiben, da wir nicht immer das Gleiche als wichtig erachten.

Gehen wir aber noch einmal zu den 1 bis 2 A4-Seiten zurück. Nimm genau diese übrig gebliebenen Fragmente. Sie haben in etwa die Länge eines durchschnittlichen Märchens und geh jetzt den Weg um 180 Grad gedreht.

Das heißt, einfach nur, gib du der Geschichte die Muskelfasern, wie DU sie schreiben würdest. Wenn du damit fertig bist, dann gib ihnen die Haut und schlussendlich ein neues Kleid. Dabei muss deine Version nicht lange sein, sondern sie sollte aus deinem Inneren kommen. Hole nichts Altes aus der ursprünglichen Geschichte, sondern schreibe etwas ganz Neues. Ob deine Version dann 30 Seiten hat oder 1.000 ist völlig egal, denn es ist DEINE!

Hast du jemals Groschenheftromane gelesen? Die Länge war im Regelfall 64 Seiten und sehr viele davon stammen aus dem Bastei-Verlag. Ich verschlang beispielsweise früher „Professor Zamorra“, andere liebten „John Sinclair“ und sehr viele mochten diverse Arzt- oder Krankenhausgeschichten. Gerade im letzteren Bereich sind die Geschichten häufig nach dem gleichen Schema aufgebaut und nur die Handlungen und Namen verändert. Es ist nichts dagegen einzuwenden, denn manchmal ist auch leichte Kost sinnvoll und kann nett zu lesen sein 😉

Bei vielen Romanen ist es sehr ähnlich. Nimm beispielsweise die Vampir-Roman-Schwemme, die nach Twilight auf den Markt kam. Wie viele der Geschichten waren sich im Grunde sehr ähnlich und nur durch Namen, Orte und andere Kleinigkeiten verändert? Aber sie sind halt nicht sonderlich „individuell“ 😉

Viele Schreiberlinge stehen manchmal vor der Situation nichts mehr schreiben zu können, weil ihr Kopf völlig leer ist und ihnen nichts mehr einfällt. In diesen Momenten ist es wichtige einfach zu schreiben, schreiben und wieder zu schreiben – und sei es nur ein beliebiges Wort immer und immer wieder. Alleine, um wieder ins Schreiben zu kommen ist es eine gute Übung, denn eine Geschichte auseinander zu nehmen und etwas ganz Neues draus zu machen ist nicht nur viel Denkarbeit, sondern bringt einen auch schon mal auf ganz neue Ideen.

Wie viele von uns sind ständig darum bemüht etwas Neues zu erschaffen, etwas zu kreieren und schlussendlich schlägt die Verzweiflung zu. Es fällt uns nichts ein, die Worte fließen nicht so richtig und das Blatt vor einem bleibt leer. Allein eine Geschichte auf ihr Skelett zu reduzieren und etwas ganz Neues daraus zu erschaffen ist „Arbeit“. Betrachte doch einmal, wie viele Geschichten die exakt gleiche Grundaussage haben. Vergleiche die Grundaussage deiner Lieblingsromane und du wirst vielleicht immer auf das gleiche „Skelett“ stoßen.

Im Grunde ist Schreiben mit dem Kochen zu vergleichen. Wir haben gewisse Grundzutaten und bereiten ein Gericht zu. Vielleicht gibt es ein Rezept, aber selbst wenn sich mehrere Personen exakt an das gleiche Rezept halten, muss noch lange nicht das gleiche Ergebnis am Teller landen. Der eine würzt vielleicht etwas mehr, der andere lässt das Gericht 10 Sekunden länger kochen und der dritte stellt statt Wasser Saft zum Trinken hin, wodurch sich auch der Geschmack wieder leicht ändert.

Genauso ist es mit dem Schreiben. Selbst wenn du und ich die gleiche Geschichte schreiben würden, so käme doch ein anderes Ergebnis dabei heraus, der Stil ist anders, wir würden vielleicht unterschiedliche Worte oder Namen nehmen … das „Kleid“ wäre anders, die Haut und die Muskelfasern ebenso, wir stecken unsere Persönlichkeit in die Geschichte, wenn wir schreiben. Selbst zu unterschiedlichen Zeiten mag dies bei der gleichen Person variieren.

Möchtest du testen?

Nimm dazu ein x-beliebiges „Skelett“ und schreibe einen kleinen Text dazu. Leg ihn beiseite und nimm einige Tage später das gleiche „Skelett“ und schreibe etwas daraus. Notiere immer dazu, wie du dich gerade fühlst und ob du beispielsweise Stress hast. Mach das über mehrere Wochen immer wieder und dann vergleiche die Texte. Betrachte die Unterschiede. Was fällt dir auf?
Auf diese Weise kannst du herausfinden, wann du gut schreiben kannst, wo die Ideen leichter kommen 😉
Das Schöne ist, wir sind alle unterschiedlich, was dich inspiriert muss es bei mir nicht tun und umgekehrt. ABER der Trick ist eine Hilfe um es für sich selber herauszufinden 😉

Was ist das „Skelett“ jener Geschichten, die du gerne liest?

3 Gedanken zu “Wo ist das Skelett deiner Geschichte?

  1. Leider ist mir Dein, wieder schöner, Beitrag erst heute unter die Augen geraten – er blieb zunächst unentdeckt und hatte sich offensichtlich im WP-Dickicht gut verborgen!

    Irgendwo, irgendwann las ich, dass die Prosa-‚Königsdisziplin‘ die Kurzgeschichte ist. Das sind Deine beschriebenen Skelettgeschichten – eingedampftes Konzentrat, bar aufblähender Wörter und Nebenschauplätzen.

    Ich gebe zu, nur in Ausübung meiner mütterlichen Vorlesepflicht, mochte ich letztmalig Kurzgeschichten à la ‚ Soundsoviele Gute-Nacht-Geschichten‘ oder ‚Soundsoviele Sandmännchengeschichten‘ wirklich gerne. Sie waren Kinderzeit- und Entfernungsmesser für den Abstand zwischen abendlichem Zähneputzen und dem Einschlafen. Doch für mich sind Kurzgeschichten eigentlich nichts! Ich schrecke auch vor dicken Kilowälzern nicht zurück, denn ich brauche Entwicklungszeit, um mich in die Romanwelt hineinziehen zu lassen – ein, zwei Sätze reichten mir nicht. Kaum merkt man sich den Namen des Protagonisten, muss man sich wieder von ihm verabschieden. Dennoch halte ich das Verfassen von Kurzgeschichten für eine gute Fingerübung am Schreibklavier.

    Eine gute Geschichte zeichnet sich in meinen Augen nicht dadurch aus, dass man krampfhaft versucht, so neuartig und originell wie möglich, eine neue Sprache zu entwickeln oder thematisch mehrfach die gleichen Runden um´s Gelände zu drehen. Das Falsche daran, liest der Leser sofort. Es sitzt seltsam quer. Die Erzählsprache unterscheidet sich nur geringfügig vom gesprochenen Wort des Schreibenden. Sie ist authentisch, glaubhaft. Wenn eine Story in Kurzform (als Skelett!) nicht funktioniert, dann auch nicht dekoriert und blinkend herausgeputzt wie ein Weihnachtsbaum.

    Ein umfassender Roman wächst logisch mit dem, was man glaubt, unbedingt erwähnen zu müssen, aus einer zunächst nur gedachten Kurzgeschichte, vielleicht sogar nur aus einem einzelnen szenischer Gedankengang. In Deiner Metapher wäre das sozusagen der erste Knochenfund.😁

    (Ich habe als Leser keinerlei Skelett-Präferenzen. Schlage ich das Buch zu, weiß mein Bauchgefühl noch vor dem Kopf, wie´s gefiel.)

    Gefällt 1 Person

    1. Rhiannon

      *…im WP-Dickicht gut verborgen!**
      herrlich, ich liebe solche Kommentare von dir 🙂

      Kurzgeschichten brauchen beim Schreiben anderes als lange Romane. Sie sind mitunter schneller heruntergehämmert, können aber durchaus eine größere Information bergen als der dickste Wälzer.

      In all dem, was du hier schreibst, sag ich – ja!
      Denn sicher, wir können ein Buch mit einem netten Cover dekorieren – und wenn der Inhalt nicht gefällt bleibt es dennoch liegen. Wir können als Schreiberlinge gewiss ein Samenkorn, einen Knochen vom Skelett, nehmen und ihm Fleisch geben – aber das wirkt nicht immer gut. Verfault es am Knochengerüst, kommt vielleicht eine seltsame Horrorgeschichte raus (manno, jetzt hab ich Hellraiser im Schädel) …

      Das Ganze macht es aus, das, was der Schreiberling von sich selbst bereit und willens ist preiszugeben.

      Es gibt daneben aber auch genug Momente, wo einfach nur seichte Leseliteratur gewählt wird zur Entspannung – da darf das Fleisch am Knochengerüst auch mal etwas weniger Qualität aufweisen 😉

      Leser merken schon, wann sie etwas wirklich mögen und das müssen nicht immer die absoluten Meisterwerke sein 🙂

      Gefällt mir

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