Machst du Ängste zu Stärken?

Sind die Stärken oder die Schwächen es, die eine Figur ausmachen?

Viele, wirklich sehr, sehr viele Geschichten, handeln von Figuren, die an ihren Schwächen kränkeln und mit ihnen ihre liebe Not haben. Sie verzweifeln vielleicht an ihnen und fühlen sich alles andere als kräftig genug, um in ihrem Leben voran zu gelangen. Im Lauf der Zeit erhalten oder finden sie „Verbündete“, die mit ihnen durch das Leben schreiten und gemeinsam daran arbeiten, dass Schwächen überwunden oder gar zu Stärken werden.

Ist das nicht wunderbar? Wir können uns entwickeln 🙂

Sind wir selber in einer solchen Situation, so ist es wohl weit weniger lustig oder amüsant. Es entstehen Selbstzweifel oder Ängste, die zuvor wohl nicht vorhanden waren. Wenn ich mich an mein früheres Ich zurückerinnere, so kommen mir manchmal die Tränen, aber ich habe viele Ängste ablegen können – weil ich es wie die Figuren in den Geschichten hielt, ich hatte „Verbündete“, treue und liebe Freunde, die mir halfen … Schwächen wurden dadurch zu Stärken, – und ich bin mir sicher, dass es auch bei dir solche Dinge gab, die sich hinterher als Gewinn herausstellten.

Genau das ist ein Punkt, den du fürs Schreiben nutzen kannst.

Jede Figur, die in den Büchern und Geschichten ihr Leben lebt und vorwärtsschreitet, hat die ein oder andere Angst, die häufig in einer früheren Situation begründet liegt.

*) Angst vor Hunden – als Kind gebissen worden
*) Angst verlassen zu werden – als Kind die Mutter aus den Augen verloren
*) Angst zu versagen – ausgelacht worden, weil bei einem Referat etwas vergessen …

Und so könnten wir die Liste lange weiterführen. Viele Ängste stecken irgendwo in einer Situation aus dem vergangenen Leben, die wir heute vielleicht gar nicht mehr erklären können, geschweige denn wissen, dass sie je existierten. Nur sehr wenige Menschen haben ein Gedächtnis, das alles bewusst aufrufbar macht und vieles ist ohnehin besser, wenn wir es vergessen, weil es zu schmerzhaft scheint.

Wie nutzt du es nun für das Schreiben einer Geschichte?

Ängste (aber auch Phobien) gibt es wohl so viele wie Sand am Meer, viele tragen heute schön klingende Namen, die eigentlich nichts aussagen, als dass es Spezialbegriffe sind. Was dahinter steckt, ist selten offensichtlich, nur wenn wir dann nachrecherchieren oder selbst Probleme damit haben.

Würdest du wissen, was hinter diesen Begriffen steckt, ohne nachzurecherchieren?

Aelurophobie, Allodoxaphobie, Anatidaephobie, Anthophobie, Bibliophobie, Blennophobi, Cenosillicaphobie, Coulrophobie, Hippopotamomonstrosesquipedaliophobie, Lachanophobie, Metrophobie, oder Nomophobie

Ängste mögen belastend sein, furchteinflößend und vieles mehr, nur dummerweise entwickeln sie sich auf diesem Wege auch häufig zu einer Art Teufelskreis, aus dem ein Ausbruch nicht immer einfach ist. Dennoch gibt es viele Wege, um hier wieder rauszukommen.

Übrigens ist hier die Auflösung 😉 (klassische Frage wäre – „hätten Sie es gewusst?)

Aelurophobie – Angst vor Katzen
Allodoxaphobie – Angst vor anderen Meinungen
Anatidaephobie – Angst, von einer Ente beobachtet zu werden
Anthophobie – Angst vor Blumen
Bibliophobie – Angst vor Büchern
Blennophobi – Angst vor Schleim
Cenosillicaphobie – Angst vor einem leeren Bierglas
Coulrophobie – Angst vor Clowns
Hippopotamomonstrosesquipedaliophobie – Angst vor langen Wörtern
Lachanophobie – Angst vor Gemüse
Metrophobie – Angst vor Poesie und Gedichten
Nomophobie – Angst, ohne Handy zu sein

Diese „kleine“ Liste ist schon etwas „spezieller“, auch wenn ich mir gut vorstellen kann, wie sehr sie jemanden belasten können – und es gibt noch sehr viel mehr davon.

Hast du jemals Blogs gelesen, wo die Schreiberlinge dahinter von ihren Ängsten erzählen und wie sie damit umgehen? Das Schöne an der Bloggersphäre ist ja, dass wir über so gut wie alles schreiben können, das uns bewegt – und viele nutzen ihre Ängste dazu, um anderen Mut zu machen und von ihnen zu erzählen um so anderen zu helfen. Oder sie schreiben, wie sie ihre Angst in den Griff bekommen haben oder woran sie derzeit noch leiden.
Wenn du einen solchen Blog führst, stell ihn in den Kommentaren ruhig vor 🙂

Wenn wir eine Figur zum Leben erwecken wollen, so ist es interessanter ihr Ecken und Kanten mitzugeben, sie „menschlich“ zu zeigen, auch, wenn die Figur vielleicht kein Mensch ist. Eine „glatte“ Figur, die nur schwarz/weiß ist und vielleicht gar keine Schattierungen trägt, ist die überhaupt interessant?

Wenn diese Figur beispielsweise von Anfang an eine Angst hat, mit der er/sie/es ihr Leben in der Geschichte startet, so könnte das eine Recht interessante Handlung ergeben und du hast bereits einen Start, um ein erstes Blatt Papier zu füllen.

Verlustangst:
Nehmen wir als Beispiel eine Frau Mitte 30, die eigentlich fest im Leben steht, einen Job und Familie hat und der es soweit ganz gut geht. In sich trägt sie aber eine Angst, die sie selber nicht erkennt. Nennen wir sie Anna. Als junge Frau hatte sie ihre erste Liebe in Form eines gleichaltrigen Burschen, Tobias. Sie war damals Anfang 20 und nicht sonderlich selbstbewusst. Er hatte ihr geholfen, sich aufzurichten, stärker zu werden, und irgendwann spürte er, dass es für ihn Zeit war zu gehen. Als Anna einen anderen Mann kennenlernte, Max, da wusste er sie in starken und guten Händen und ließ sie gehen. Anna spürte ihr Herz beinahe zerbrechen, als sie merkte, Tobias war weg, aber sie war nicht allein, denn Max war für sie da. So konnte sie die nächsten Jahre zu der starken Frau reifen, die sie nun war. Dann traf sie zufällig wieder auf Tobias, sie saßen bei einem Kaffee und unterhielten sich – in diesem Moment spürte sie, dass da noch etwas war, ein Funke für ihn empfand und sie wieder die Wunde in ihrem Herzen aufzureißen begann. Es war wieder die Angst davor, ihn zu verlieren … und doch war es nicht ihre Art, ihm nachzueilen. Der Kontakt blieb aufrecht, aber sie klammerte nicht, sondern freute sich über die Treffen bei Kuchen und Kaffee und die Zeit, die sie zusammen hatten. Irgendwann erkannte sie in sich diese Angst als einen kleinen, fiesen Schatten, der ein keines Kind umhüllte und verscheuchte den Schatten. Die Angst Tobias zu verlieren, verlief sich und sie erkannte in diesem Moment, welche Stärke sie eigentlich in sich trug, indem sie es schaffte ihn gehen zu lassen, statt Angst davor zu haben.

So könntest du beispielsweise eine klassische Angst nutzen, um eine Geschichte aufzubauen 😉

In jeder Angst steckt der Kern einer Stärke. Wir und damit auch die Figuren, von denen wir erzählen, wachsen, indem Ängste überwunden werden, wir uns ihnen stellen und schlussendlich erkennen, dass es häufig „nur“ ein Schatten ist, der sich um eine Teil unseres Ichs legen. Vielleicht ist es auch ein Schleier, hinter dem wir gefangen sind und den wir einreißen müssen, um zu werden. Es ist in all den Geschichten die Frage, wie damit umgehen und welche Begleiter und Helfer wir selbst erhalten bzw. welche wir unseren Figuren mitgeben.

Welche Angst würde dir einfallen, die du für eine Geschichte verwenden würdest und welche Stärke könnte dahinterstecken?

14 Gedanken zu “Machst du Ängste zu Stärken?

  1. Ich mag deine Überlegungen immer sehr. In vielen Büchern haben die Figuren so typische Ängste wie Höhenangst, die sich prima gerade in einer brenzligen Situation überwinden lässt. Aber was du da alles für Phobien gefunden hast?! Bibliophobie!!! Und die Ente!!! Ich glaube, man kann jede davon, wenn man nur will, irgendwie einbauen. Man muss nur von Anfang an überlegen, warum man das macht und wie die Angst überwunden werden kann. Lieben Dank für die Anregung zum Grübeln!

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    1. Rhiannon

      tihi – ja, die sind schon schräg, gelle? 🙂
      Wer drunter leidet, der kann einem aber schon auch leid tun. Klassische Sachen, die kennst doch eh „jeder“, Mitleid möglich, aber solche Phobien?

      Andererseits, gab es sie vielleicht nicht schon immer und nannte sich manchmal nur „ich-mag-nix-lernen“? 😉

      Spaß beiseite – wenn wir ein wenig über den Tellerrand blicken, dann sehen wir häufig Möglichkeiten, die sich uns sonst nicht bieten.

      Danke für deine Worte 🙂

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  2. Der beliebte Corona-Hashtag ‚wirbleibenzuhause‘ war schon zwanzig Jahre vor Ausbruch der Pandemie die ‚Story of my Life‘, den ich bin medizinisch anerkannter Angsthase. ANGST. Fünf Buchstaben für ein vielschichtiges Phänomen, ein Gefühl, das es in unzähligen Erscheinungsformen gibt und sich auf unser Leben auswirkt.

    Ja, sogar in gewollter, gesuchter Form! Kürzlich fiel mir der Promo-Becher zu einer Neuerscheinung eines bekannten Thrillerautoren auf, auf dem das Wort ‚Angstlust‘ stand. „Wenn du wüsstest …“, war mein erster Gedanke, aber es stimmt, viele von uns (ich selbst tatsächlich auch) lieben in Erzählungen, ob Movie oder Roman, das lustvolle Spiel mit der Angst. Wir lernen so, sie zu kontrollieren, denn jeder von uns hat ein anderes Angstlevel. Schon in Kinderbüchern ist dieser innere Gegner Hauptthema des Kampfes Gut gegen Böse. Angst ist der narrative Gegner des Muts. Des Heldenmuts. Und was wäre eine Story ohne Held?

    Eigentlich gehört es sich nicht, in die Kommentare Links auf eigene Blogs zu packen, aber ich hoffe, liebe Rhia, Du verzeihst mir den folgenden Regelbruch?! Weil Du in Deinem gelungenen (und Dank der vorgestellten Phobien höchst amüsanten) Beitrag nach Angstgeschichten fragtest und nach ‚ängstlichen‘ Bloggern, konnte ich nicht widerstehen, folgenden Kurzthriller auf meinem Blog vorzustellen, für den meine eigene Angst die gefühlte Vorlage war:

    https://heathermkaufman.com/wer-anderen-eine-grube-grabt/wer-anderen-eine-grube-grabt

    Angst ist ein Gefühl, das (nicht nur von Bungee-Jumpern) lustvoll gesucht wird und wenn es da ist, jeder so schnell wie möglich wieder loswerden will. Die Euphorie nach ihrer Überwindung ist wie der Schuss oder Schluck für Süchtige.

    Gefällt 2 Personen

    1. Rhiannon

      Angst ist einfach ein Thema. Sie wird oft wissentlich geschürt und gern von denen genutzt, die über andere obsiegen wollen. Angst war nicht umsonst auch in Konflikten DAS Mittel zur Wahl, denn Angst steckt so tief in uns allen, als eine Art „Urgefühl“, das einfach da ist. Es ist nur die Frage, wie wir damit umgehen.

      „Angst-Lust“ – ja, das gibt es allerdings, die Lust am Nervenkitzel, an der Angst, denn warum sonst lieben wir Geisterbahnen, sehen uns Horrorfilme an und gehen verschiedene Mutproben ein? Vielleicht wollen wir gut dastehen oder einfach uns selber besiegen, aber die Lust an der Angst, sie ist ein geniales Phänomen, der ich selbst viel abgewinnen kann (bekennender Horrorfan *hihi*).
      Du hast es echt treffend definiert.

      Du brauchst dich übrigens nicht entschuldigen, denn ich habe in dem Beitrag auch darauf hingewiesen, dass hier genau diese Links erwünscht und willkommen sind.

      * Die Euphorie nach ihrer Überwindung ist wie der Schuss oder Schluck für Süchtige.*
      Ich liebe deine Vergleiche, das muss ich jetzt echt mal loswerden 🙂 – denn es trifft es richtig gut!

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  3. Es gibt eine große Angst, die viele kleine Ängste hervorbringt: Die Angst vor dem Tod. Wer diese Angst meistert, verliert auch viele kleine Ängste. Das könnte der Kern der Geschichte sein.
    Die Ursache der Angst vor dem Tod könnte die Materialistische Weltsicht sein, diese komplett unbewiesene Behauptung, dass sich alles was ist, auf dem Umweg über Materie erklären lässt. Demnach tummeln sich in unserem Gehirn Elementarteilchen, Moleküle und Elektrische Ströme und wenn wir die richtig verstehen, verstehen wir auch den menschlichen Geist. Aber das ist Unsinn.
    Was ist denn dann das Bewusstsein?
    Können Elementarteilchen, Moleküle und Elektrische Ströme etwas von sich wissen?
    Eine Wissenschaft, die die Tätigkeit des Geistes untersucht und nicht erklären kann, was überhaupt das Bewusstsein ist, gleicht einem Meeresforscher, der nicht weiß was Wasser ist oder einer Weltkarte ohne Amerika, Asien und Afrika.
    Und jetzt kommt der Protagonist zu einem Schluss: Weil wir keine Ahnung haben was Bewusstsein ist, gibt es auch keinen Grund zu glauben, dass dieses Bewusstsein mit der Geburt beginnt oder mit dem Tod endet. Ein Nahtoderlebnis könnte verstärkend wirken, aber das ist ein Thema für sich.
    Freundlicher Gruß vom Sinnfinder.

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      1. Rhiannon

        Die Sache mit dem Alkohol nahm ihm viel zu früh das Leben, doch wie oft gehen große Denker frühzeitig und bleiben so in unseren Köpfen und Herzen?
        Alkoholismus ist eine gefährliche Sache. Was es anrichten kann, ich seh es in einem Fall in meinem persönlichen Umfeld. Es macht einfach nur traurig und sprachlos.

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    1. Rhiannon

      aber mal ehrlich, musst du alles so wissenschaftlich angehen? Da verliert sich doch glatt die tiefe Furcht im Inneren 😉

      Andererseits, wie heißt es so schön … alles, das wir nicht erklären können ist Magie, alles andere „Wissenschaft“.

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      1. Nichts gegen die Wissenschaft aber, sie agiert auf Basis völlig unbewiesener Vorannahmen-ihrer Paradigmen. Mit anderen Paradigmen, könnten wir aus der Wissenschaft auch ganz andere Weltbilder ableiten – einschließlich Magie.

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      2. Rhiannon

        … und was ist Alchemie? nicht viel anderes als Wissenschaft, die zu dem Zeitpunkt nur wenige (oder gar keiner) verstand. Es sind einfach nur andere Namen für das Gleiche.

        Oder um es „modern“ zu nennen – UFO (sind es wirklich Aliens? Eigentlich heißt es doch nur unbekanntes, fliegendes Objekt, womit alles gemeint ist, was fliegt und nicht bekannt ist.

        Manchmal denken wir wohl alle einfach nur viel zu kurz.

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