Woran leidet deine Figur und bist du ihr ähnlich?

Ich habe keine Angst – sagte der Junge und trat direkt in den Untergang – Ängste schützen / Ängste lehren / Ängste können grausam sein …

„Huch“, sagte die Katze und verkroch sich rasch hinter einer großen Kissenburg.
„Wer bist denn du?“
Hinter einer großen Tanne, die mitten im Zimmer stand, trat eine Gestalt hervor, in rot und weiß gehüllt, mit einem Fell vom Mund herabhängend, in das sie liebend gerne die Krallen geschlagen hätte.

Diese Gestalt kniete sich nieder, zog den rechten Handschuh aus und deutete der Katze an, sie möge doch zu ihr kommen ….

Wenn ich meine beiden Katzen so ansehe, sind die beiden mit unterschiedlichen Charakteren gesegnet, Carry, die Schwarz/Weiße ist mutig und neugierig, und kann einen echt nerven, wenn sie unbedingt noch mal in den Innenhof möchte. Maze wiederum, die kleine Schwarze von oben, wehrt sich mit allen vier Pforten und maunzt erbärmlich, wenn sie mal raus soll. Aber das ist nicht alles … wer Haustiere oder auch Kinder hat, der merkt, wie unterschiedlich Wesen doch sein können.

Wenn wir Geschichten schreiben, so schreiben wir vielfach über Aspekte unserer Selbst. Vielleicht ist es das „Alter-Ego“, das sich ganz gerne zeigt und das „erzählt“ werden will. Manchmal schreiben wir aber auch von Figuren, die uns auf den ersten Blick nicht ferner sein könnten, als sie es tastsächlich sind.

Figuren, sofern sie auch nur halbwegs lebendig wirken sollen, tragen „Menschliches“ in sich, mit ihren Stärken und Schwächen, Träumen und eben auch ihren Phobien und Ängsten.

Wenn du an einer Figur arbeitest und über sie schreibst, welche Ängste hat er/sie/es? Sind es Ängste, die du auch kennst? Nicht jede Angst ist ein „Alles-Schatten-Fresser“, sondern manchmal sind es Kleinigkeiten, die einfach nur „nerven“. In den letzten Monaten haben viele neue Ängste kennengelernt, hatten vielleicht auch die Ruhe, um sich selber besser kennenzulernen und vieles mehr. Was sind die Ängste, die dich im Moment am meisten nerven und dich vielleicht auch quälen?

Ich glaube, du weißt schon, wen die Katze oben trifft? 😉
Was könnte ihr der Weihnachtsmann als Wunsch wohl erfüllen?

Nehmen wir eine Figur, die eine ganz bestimmte Angst hat. Diese Figur traut sich nicht so recht ins Leben, ist zurückgezogen und es fehlt ihr an vielem – vor allem aber an Selbstvertrauen. Ja, diese Figur arbeitet mitunter dran und kann dann auch vor anderen reden und vieles mehr, aber immer sind da diese Selbstzweifel in ihr.
(Sag mir, kommt dir das bekannt vor? Bei dir selbst oder jemandem in deinem Umfeld?)
Sie wagt nichts mehr zu tun, wohnt in einem Umfeld, das ihr Bauchweh bereitet, weil sie sich stark eingeschränkt fühlt und auch, wenn manch einer ihr helfen möchte, so kommt doch keiner an diese Figur heran. Bis ihr eines Tages jemand sehr direkt sagt, sie hätte einen Schatten an sich kleben. Etwas, das ihre ganze Kraft, ihr ganzes Licht und ihre Stärke auffrisst.
(Wie glaubst du, geht diese Figur nun vor?)

Wie lösen wir also Ängste auf?

Wenn diese Figur es richtig anstellt, dann braucht es nur eine einzige Aktion, eine „Kleinigkeit“, um den Schatten zu eliminieren, ihn aus dem Leben zu verbannen und somit das eigene Licht wieder zu erlangen, das eigentlich in ihr strahlt und brennt – das Kraft hat. Ihr Licht sollte scheinen und helfen und nicht unter dem Schatten vergehen.

Dieses Szenario trifft auf so viele Figuren zu, die in Romanen und Geschichten ihr Leben haben. Da mag der kleine Junge sein, der gemobbt wird und sich nach Phantasien zurückzieht (die unendliche Geschichte) – oder die Kinder, die vor einem Grauen flüchten und sich ihm dann stellen (Es). Vielleicht ist es auch eine Frau, die vergeht, weil sie ihr Blut verliert (Dracula) oder der Krieger, der auf dem Schlachtfeld steht und einfach nur um sein Leben zittert und sich darum tot stellt (Ravenous, friss oder stirb).
In all diesen und noch vielen Geschichten mehr, ist das Szenario, dass jede Figur irgendwo Angst verspürt und Furcht in sich trägt. Im Lauf der Geschichte lernen die Figuren die Ängste zu besiegen und in Luft aufzulösen oder sie machen sie zu einem Teil ihrer Selbst und lernen etwas daraus.
Wie das Leben ein Lernprozess ist, so sind es auch die Geschichten, in denen die Figuren ihr Dasein haben. Wie wir, sind auch sie auf einem „goldenen Pfad“, der sie nach vorne bringt, wenn sie ihn gehen.
Doch eines dürfen wir beim Schreiben nicht vergessen, wie viel Kraft haben diese Figuren und wo ist ihre Batterie verbraucht?

Nehmen wir hier einen Menschen, der an Burnout leidet. Wo ist dessen Grenze? Kann diese Person überhaupt noch aus dem Bett aufstehen oder ist auch dieser Punkt schon längst überschritten? Wenn du dir Batterien und Akkus ansiehst, so kannst du sie auch „tiefen-entladen“ – nur was geschieht dann?

Immer wenn wir an einer Figur arbeiten, die an ihren Ängsten zu zerbrechen droht, so geht es häufig darum, dass die Ängste an den Energien saugen und die Figur damit zerstören können.

Kennst du den Begriff „Energievampire“? Im Grunde sind es Lebens-weg-nehmer, Energiefresser, die sich an der Energie von anderen Wesen bereichern. Wenn du jemals mit jemandem in einem Raum warst und dich nach diesem Treffen ausgelaugt und erschöpft gefühlt hast, so ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass er oder sie ein Energievampir ist. Vielleicht ist dieser Person das nicht einmal bewusst – aber es gibt sie – und das ist nicht lustig! :-/
Wenn dich das Thema interessiert, du findest viele Informationen dazu im Internet.

Etwas ähnliches gibt es auch an bestimmten Orten und Flecken. Dies kann ein kleines Stückchen in der Natur sein, wo du den Eindruck gewinnst, dort ist einfach alles nur noch „tot“. Da stellt sich die Frage – warum? Gibt es dort einen bestimmten Energieknotenpunkt oder liegt darunter ein Massengrab?
Es gibt in den Städten manche Häuser, die ein absolutes Grauen ausstrahlen und an manchen Orten ist einem, als wolle einen dieser Flecken nicht dorthaben und sagt einfach nur „verschwinde“! Vielfach existieren dazu Geschichten oder Erzählungen, in denen sich manchmal Geister aufhalten sollen oder es mag dort etwas Grauenhaftes geschehen sein.
Falls du mal in den USA die Zeit dafür findest – besuch mal die ehemalige Nervenheilanstalt „Penhurst“ – ich war zwar noch nicht dort, aber angeblich soll es ein derartiges Häuschen sein, in dem noch viel los ist. Erzähl dann mal, wie es sich dort angefühlt hat. Geisterhäuser und gruselige Orte gibt es viele – ob diese einen dann nicht einen „Schatten“ ankleben, ist ein ganz anderes Thema.

Nehmen wir also wieder diese Figur von oben, stellt sich die Frage, warum es diesen Schatten um ihr inneres Licht gibt. War sie mal an einem Ort, wo sie nicht hätte sein sollen oder hat sie jemandem im Umfeld, der ihr schadet oder hat sie gar jemand verflucht?
Möglichkeiten gibt es viele, die Lösung mag in einer sehr simplen und extra-einfachen Version entstehen.

Wenn du selbst an einer Angst leidest – überlege dir einmal, wie du eine Figur schreibst, die genau diese Angst mit dir teilt und woher diese Figur ihren „Schatten“ haben könnte …. die Frage ist nun, was würdest du tun, oder ihr geben, damit sie diesen wegbekommt? Wie löst sie diesen Schatten, um ihr inneres Licht wieder strahlen zu lassen?

(Kleiner Tipp – teste es einfach selber mal aus, stell dir eine Angst vor und löse den Schatten …. bei mir hat es mit einer Sache funktioniert 🙂 ABER da meine Ängste nicht die deinen sind, kannst du nur selber herausfinden, WIE du damit umgehst. Wie würdest du den Schatten deiner Angst lösen und damit deiner Figur die Lösung in die Hand geben?)

Und da Ängste einen immer die eine oder andere Lektion beibringen – welche Lektion nimmst du bzw. deine Figur daraus mit?

10 Gedanken zu “Woran leidet deine Figur und bist du ihr ähnlich?

  1. Egal wie sehr man von seinen eigenen Ängsten Abstand nehmen kann, sie kommen in den eigenen Texten immer wieder zum Vorschein. Nimm solche Autoren wie Stephen King. Er ist erfolgreich, weil er seine eigenen Ängste in den Romanen verarbeitet und gewisse Motive immer wieder auftauchen. Das entscheidende ist, dass Figuren nicht immer wirken als seien sie das Abbild des Autors. Das macht es unheimlich gleichförmig und vorhersehbar.

    Gefällt 3 Personen

    1. Rhiannon

      Der wahre Meister des Horrors ist meiner Meinung nach Poe, aber er ist nicht der Einzige.

      King ist genial und hatte auch wirklich sehr viel zu verarbeiten und vieles davon steckt in seinen Geschichten drinnen.

      Das Schöne ist aber auch, dass wir uns entwickeln. Wir sind anders als vor 1, 5 oder 12 Jahren. Aber in dem was und wie wir schreiben steckt tatsächlich sehr viel von uns selber, wenn wir diese Dinge verarbeiten.

      Ein fertiger Text bedeutet nicht umsonst häufig auch, etwas verarbeitet zu haben – und dieses ist der jeweiligen Geschichte auch in Form von Lebendigkeit sehr gut anzumerken.

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      1. Poe ist ein gnadenlos guter Autor gewesen. Wen ich in Hinsicht auf tiefenpsychologische Bezüge zu seinem eigenen Leben total interessant finde ist H.P. Lovecraft…man muss schön ziemlich tief schürfen, um erkennen zu können, inwieweit er seine persönlichen Ängste in Literatur übersetzt hat. Aber da gibt es ganz bestimmt irgendwelche Literaturwissenschaftler, die sich darum gekümmert haben.

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      2. Rhiannon

        Lovecraft …
        Ich kann mich an erinnern mal was über seine Kindheit gelesen zu haben, der Gesündeste war er ja niemals. Das kann sehr prägen und entsprechend reflektieren sich Ängste auch in den Geschichten.

        Es ist eher die Frage, welche Ängste von ihm in den Großen Alten verborgen schlummern …

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  2. Was der Figur helfen kann, ist, zu erkennen, dass Angst eben auch nur ein Gedanke ist- nichts Wirkliches. Unsere Gedanken sind das Drama unseres Lebens. Viele Ängste entstehen aus negativen Glaubenssätzen, die sich festgesetzt haben, an die sich immer neue Glaubenssätze knüpfen und die das wahnhafte Netz bilden, in dem wir uns ein Leben lang abarbeiten und zappeln. Wer seinen eigenen Wahn durchschaut, hat auch die Möglichkeit, den seiner Protagonisten lebendig werden zu lassen. Herzlicher Gruß vom Sinnfinder.

    Gefällt 2 Personen

    1. Rhiannon

      Exakt. Ängste sind eine Sache, die auch abgehakt werden kann unter gewissen Umständen. Nur dazu bedarf es auch der Notwendigkeit sich ihr zu stellen. Das ist häufig ein richtiges Dilemma, mit großem Bauchweh und viele rennen schreiend davon, aber es ist die Möglichkeit sich ihr zu stellen und genau dadurch zu wachsen.

      Sprich, du meinst eher, lass mal deinen Charakter deine eigenen Ängste durchlaufen?

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  3. Hier wäre vielleicht der Hinweis angebracht, dass beide Wörter zwar im Sprachgebrauch synonym Verwendung finden, aber zwischen Angst und Furcht ein Unterschied besteht. Wenn mein Protagonist beispielsweise gezwungen ist, sich eine steile Klippe hinunter zu klettern, um seinen entführten Sohn zu retten, so ist diese Angst kein ‚unwirklicher Gedanke‘, sondern ein intensives Gefühl der unmittelbaren Bedrohung. Die Figur bangt um das Leben seines Kindes und das eigene. Sein genetischer und erlernter Charakter entscheidet über sein weiteres Handeln (Tapferkeit, Feigheit, Angst, Panik …).

    Es gibt irrationale Ängste, die durch biochemische Abläufe im Gehirn entstehen können und durch Fehlinterpretationen der Psyche ‚erlernt‘ werden. Phobien, Angststörungen, Panikattacken, PTBS … sind alles unterschiedliche Ausdrucksformen der Angst, die es zunächst, bevor ihr der Kampf angesagt wird, zu identifizieren gilt. Der Angst gegenüber steht die Tapferkeit, die, zwar ebenfalls an entsprechende Gene gebunden ist, die man aber in gewissem Rahmen trainieren kann (Polizei, Militär etc. bedient sich dieser Programme).

    Für unsere Romanfiguren ist wichtig, dass wir versuchen, ihren Charakter so schlüssig und glaubhaft wie möglich zu definieren, damit nicht der klassische ‚Schisser‘ (pardon!) großspurige Reden hält oder die Welt rettet. Aber er könnte beispielsweise etwas lernen, was ihn in einer wichtigen Szene über ihn hinauswachsen lassen könnte und für einen Twist sorgt.

    Gefällt 2 Personen

    1. Rhiannon

      Warum Pardon? 😉
      Gerade das stimmt doch mitunter und drückt weit mehr aus, als würde der Charakter mit lieben, (vielleicht auch politisch korrekten) Worten benannt werden.
      Wobei gerade bei deinen Beispielen kannst du aber auch verschiedene Aspekte im Hintergrund wie ZB Zufall mit einbauen. Manchmal bleibt einem keine andere Wahl als genau das zu tun, wovor die meiste „Furcht / Angst / Panik“ … oder sonstwas in einem steckt und wer das dann durchzieht, merkt auf einmal WIE gut und stark er/sie dann doch sein könnte 🙂

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