Wie viele Schichten trägt dein Ich mit sich herum?

Wann hast du dir das letzte Mal einen schönen Schmetterling angesehen? Sein Leben verläuft in klaren Zyklen – > zuerst Raupe mit einem Heißhunger der vermutlich seinesgleichen sucht, dann die Verpuppung mit Ruhephase und schlussendlich ein wundervolles Geschöpf, das von so vielen geliebt wird.

Im Grunde ist das menschliche Dasein diesem nicht ganz unähnlich. Wir sind Kinder, werden erwachsen und schlussendlich zu Greisen, bis wir vergehen – und wenn es so sein soll, werden wir vielleicht auch in geliebter Erinnerung behalten.
Im Gegensatz zum Schmetterling ist das menschliche Dasein jedoch um einiges komplizierter und nahezu immer auch länger. Wir treffen Entscheidungen, formen im Inneren Wünsche, wandern zu Zielen, die wir oft anfänglich gar nicht als solche verstehen, werden von anderen erzogen und passen uns nahezu immer in der einen oder anderen Form an.

Wann hast du das letzte Mal eine Zwiebel geschnitten?
Denk daran und erinnere dich daran, wie es war, sie in Händen zu halten. Dabei meine ich jetzt gar nicht den Geruch, sondern die Zwiebel selbst. So wie Bäume ihre Jahresringe haben, tragen Zwiebel ihre Schichten. Du kannst Schicht für Schicht wegschälen und behältst doch den „Kern“ weiterhin in deinen Händen. So ähnlich kannst du es auch mit einem Salatkopf machen oder mit anderen Früchten der Natur.

Was aber wäre, wenn du dies auf eine menschlichere Figur umlegst? Dieses Wesen kann auch eine Figur von einem anderen Stern sein, oder aus der Sagenwelt entstammen. Denk an die Götterfiguren der alten Völker, sie waren menschlicher und dadurch den Gläubigen vielfach näher, vertrauter.
Was sind ihre „Schalen“, die sie tragen? Wünsche? Träume? Hoffnungen? Trauer? Oder etwas gänzlich anderes?

Mit jedem Moment des Daseins können sich mehr Schalen bilden, der eigentliche Kern des Inneren mehr verbergen … Eines Tages ist der innere Kern einfach nicht mehr sichtbar. Vielleicht gefällt dir aber auch das Bild einer Dornenhecke (wie es bei Dornröschen der Fall war) besser. Schicht für Schicht decken wir unser Ich ab, nehmen Schalen auf zum Schutz oder aus gänzlich anderen Gründen und wundern uns dann, dass wir vielleicht den Eindruck haben, unsere Wurzeln verloren zu haben.
Viele Seelen fühlen sich heute völlig entwurzelt, sich nirgendwo zugehörig, dabei geht es häufig aber nur darum, das eigene Ich hinter all den Zwiebelschalen verloren zu haben. Manchmal tut es gut sich zu fragen, ob die einzelnen Schichten wirklich für einen wichtig sind und wenn nein, ob du sie behalten willst. Wer sich schwer tut seinen Kleiderkasten regelmäßig auszumisten, weil er/sie sich einfach nicht von Dingen trennen kann, wird sich bei den eigenen Schalen wohl auch nicht so leicht tun, aber es ist manchmal wichtig so zu handeln.

Die Frage ist nun, durch welche Hölle(n) schicken wir unsere Figuren, damit wir ihnen helfen können, wieder ihren eigenen Kern zu finden und somit auch die eigenen Wurzeln zurückzuerlangen?
Und so ganz nebenbei, was würde diese Figur dann machen, wenn er/sie/es erkennt, dass ein starres Korsett einfach weg ist, und er/sie/es wieder frei atmen kann?

3 Gedanken zu “Wie viele Schichten trägt dein Ich mit sich herum?

    1. Rhiannon

      dankeschön ….
      und ich gebe dir recht, die meisten Geschichten behandeln doch die ein oder andere Weise der Charakterentwicklung – gibt es eine, die du besonders gern gelesen hast?

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  1. Oh je, das ist eine schwere Frage…..ich lese im Moment „der letzte“ Mensch von Camus. Sein letzter Roman, der nur als Fragment erhalten ist. Dort gibt es eine Szene am Anfang als der Protagonist am Grab seines Vaters steht, der mit Ende Zwanzig schon verstorben war und der Protagonist ist mittlerweile vierzig Jahre alt und muss feststellen, dass er schon wesentlich älter geworden ist, als sein eigener Vater. Ein krasser Gedanke und der Rückblick auf die Familiengeschichte, die Reflektion der eigenen Entwicklung anhand der Herkunft, finde ich in diesem Roman besonders gelungen (obwohl es wirklich nur ein halbfertiger Text ist, aber ist ja auch Camus und nicht irgendein Schreiberling).

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