Schicksalsfaden und Verweben – wie stellst du dich als Schicksalweberin an?

Die Knoten eines Teppichs, fertig gewebte Stoffe und das geschriebene Wort haben eines gemeinsam – Fäden verbinden und schaffen ein harmonisches Ganzes.

Vor einiger Zeit schrieb ich über die „Schicksalsweberinnen“. Sie ziehen die Fäden für jeden – will man/frau der Mythologie Glauben schenken. Du findest den Beitrag hier: https://myskaldkonur.com/2020/09/20/kennst-du-die-schicksalsweberinnen/
Ein Schreiberling ist auch nicht viel anderes, als diese mythologischen Wesen, webt er/sie doch den Faden der Geschichte und damit das „Leben“ seiner/ihrer Figur.

Die meisten „Neulinge“ im Schreiberterrain konzentrieren sich auf eine einzige Hauptfigur oder könntest du dir vorstellen, ein Werk zu erschaffen wie „Krieg und Frieden“ von Tolstoj? Wie vielen Figuren bot er darin eine Bühne? Wir brauchen nicht gleich nach Tolstojs vielen Fäden zu schielen, für den Anfang reicht doch ein einziger auch völlig aus.

Nehmen wir als Beispiel die Nornen – Urd, Verdandi und Skuld
*) Urd steht dabei für das Einst
*) Verdandi für das Heute
*) Skuld für das Morgen

Sie sitzen dabei an der Wurzel der Urquelle und nutzen deren Gabe, um das Schicksal, den Schicksalsfaden, zu spinnen. Dieses Trio erinnert einen doch frappant an verschiedene Märchengestalten 😉

Schicksalsfaden und Wassertropfen

Stell dir vor, du stündest genau dort und hättest das Wasser dieser Urquelle zur Verfügung. Ein einziger Tropfen reicht aus, heb ihn hoch, lass darin die Sonne sich spiegeln und erfreu dich am Glanz des baldigen Fadens. Wie eine Spinne ihr Netz spinnen mag, so kannst du dies auch mit diesem einzigen Tropfen. Sieh in ihn hinein und betrachte die schillernde Schönheit darin. Dreh und wende den Tropfen, du siehst verschiedene Farben, vielleicht sogar mehr.

Als ich mit dem Brettchenweben begann, erschien mir anfangs alles wahnsinnig kompliziert. Natürlich gibt es unterschiedlich schwere Muster, die gewebt werden wollen, aber wenn du einmal weißt, wie es geht, ist es gar nicht mehr so kompliziert. So ist es auch mit dem Betrachten dieses einen Tropfens.

Wo willst du deine Figur platzieren? Dabei ist noch lange nicht die Örtlichkeit gemeint, sondern das Alter – falls du damit anfangen möchtest. Bei manchen Figuren ist das nicht ganz so einfach 😉
In vielen Geschichten steht doch das Heute als zentraler Kernpunkt. Du hast eine Figur an einem bestimmten Punkt ihres Lebens – dem Heute. Setzt du dort an, kannst du auch den Tropfen in verschiedene Richtungen weiterfließen lassen. Damit erschaffst du das Gestern und das Morgen. Interessant ist es, wenn die Figur beispielsweise das Gedächtnis verloren hat, so entspinnt sich das Gestern erst im Lauf der Handlung. Oder was ist mit einer Figur, die hellsehen kann und genau weiß, wie sich ihre Zukunft entwickelt?

Doch um beim einfacheren Punkt zu bleiben, webst du den Schicksalsfaden wie eine gerade Linie. Du stellst dabei die Figur auf einen Punkt ihres Lebens und siehst dabei zu, wie sich das Einst formt und wie das Morgen erstehen kann.

Wo die Nornen (und anderen Schicksalsweberinnen) einen einzigen Faden spinnen und sich dieser formt, so ist es beim Brettchenweben ähnlich und doch anders. Du hast dabei mehrere Fäden nebeneinander, die du zu einem hübschen Muster verweben kannst, wie du hier siehst. Das ist übrigens mein aktuellstes und eigentlich eher ein Zufallsprodukt geworden 😉

So wie wir selbst durch das Leben wandeln, folgen wir einem inneren Pfad, meist sieht das aus wie bei Rotkäppchen. Sie sollte ja der lieben Großmutter etwas Gutes bringen und wich doch ständig vom Weg ab, weil sie alles Mögliche sah und es genauer betrachten wollte. Vom Weg abzuweichen ist nichts Schlechtes, denn Feinheiten in unserem Leben erlernen wir häufig genau dadurch. Gehen wir den Weg strikt weiter, ohne uns umzusehen, kann es leicht passieren, dass wir etwas Übersehen, das aber wichtig ist.

Mit dem Schicksalsfaden erschaffst du nichts anderes als eine Art Lebenslinie für deine Figur, doch sie ist im Normalfall nicht alleine in der Welt, sonst würde doch die gesamte Interaktion fehlen. Und hier kommen wir zur Verbindung mit den Teppichen, den Stoffen und den gewebten Bändern.

Du kannst einer Figur einen Schicksalsfaden erschaffen. Doch neben dieser gibt es andere Schicksalsfäden von anderen Figuren. Als Schreiberling verknüpfst du sie allesamt zu einem wunderschönen Wandteppich. Du erzählst damit nicht nur eine Geschichte, sondern schlussendlich soll aus all den Fäden etwas Ganzes erstehen, das mitreißt und bewegt.

Nehmen wir beispielsweise eine Figur aus der Wikingerzeit – einen jungen Krieger. Die Geschichte beginnt in seiner Jugend, doch bereits in jungen Jahren erfährt er verschiedenes aus seiner Zukunft. In dieser Zwischenphase kannst du bereits einen gewebten Faden sehen – auch, wenn es bis dato nur Bruchstücke sind. Als zweiten Faden haben wir eine junge Frau, in etwa in seinem Alter, die aber in Afrika lebt. Die Kulturen sind unterschiedlich. Wie können wir also diese Fäden miteinander verknüpfen?
Hier helfen Geschichtskenntnisse 🙂
Da Sklavenhandel in früheren Tagen durchaus Gang und Gäbe war, wird die junge Frau von Sklavenhändlern verschleppt und im hohen Norden verkauft. Ihren Faden legen wir dabei so an, dass sie bereits als Kind von diesem Wikinger geträumt hat. Damit sind beide Fäden von Kindertagen an miteinander verbunden und verwoben. Doch soll es damit enden, dass er sie „kauft“? Nein, denn eigentlich kauft er sie ja nicht, sondern befreit sie auf dem Markt, um zu verhindern, dass sie in schlechte Hände gerät. Er schenkt ihr die Freiheit, denn sie hat er als Junge gesehen.
Das ist eigentlich gar nicht so kompliziert 😉
Spinnen wir das Band weiter (nicht mehr Faden, sondern Band), dann sind ihre Leben miteinander verbunden auf lange Zeit. Sie haben beide Kontakte zu anderen Figuren und schon verweben sich weitere Fäden in das Stück und aus dem kleinen Bändchen wird ein Teppich.

Kannst du dich an das Zitat aus dem Wolkenatlas erinnern?
„Unsere Leben gehören nicht uns. Von der Wiege bis zur Bahre sind wir mit anderen verbunden. In Vergangenheit und Gegenwart. Und mit jedem Verbrechen und jedem Akt der Güte erschaffen wir unsere Zukunft.“

Es sagt viel darüber aus, wie der Faden gesponnen werden kann, der schlussendlich als verwobenes Werk das Leben einer Figur darstellt. Doch ohne den Schicksalsfaden einer einzelnen Figur zerfällt das große Ganze.

Hast du jemals einen Teppich gesehen, der sich aufzulösen beginnt und wo einzelne Fäden verloren gehen? Er hält vielleicht noch, aber es ist zu sehen, da fehlt etwas. Die Stärke einer Struktur geht leicht verloren, wenn ein Faden entschwunden ist. Nun stellen wir doch in den Raum, der Faden einer Figur löst sich in Luft auf. Was bleibt dann übrig? Du bist als Schreiberling der Schöpfer über diese Figur. Nimmst du sie aus der Geschichte, was bleibt im Anschluss daran über? Wie kommen die anderen Figuren und das ganze Geschehen klar? Natürlich, jeder ist ersetzbar und die Schicksalsweberinnen wissen, wie sie eine Lücke füllen. Beispielsweise setzen sie Fäden einfach anders und drapieren sie um, sodass das Ganze weiter bestehen bleibt.
Doch was, wenn genau dieser eine Faden verloren geht?

Hier sind auch wieder zwei Möglichkeiten gegeben. Zum einen bricht die Geschichte in seiner momentanen Form zusammen. Die anderen Charaktere spüren den Verlust und müssen damit umgehen können oder es erlernen. Die andere Möglichkeit besteht darin, dass den ursprünglichen Faden ein anderes Wesen bekommt. Nehmen wir als Beispiel eine Figur, die eine wichtige Sache erfinden soll und in frühen Jahren aus dem Leben bugsiert wird. Diese Sache muss trotzdem erfunden werden, weil es für den Werdegang der Story notwendig ist – also besteht die Möglichkeit, diese Sache eine andere Figur erfinden zu lassen. Was wäre, wenn beispielsweise nicht Marie und Pierre Currie die Radioaktivität erforscht hätten, weil Marie nie nach Paris gekommen wäre? Hätte vielleicht ein Laborassistent von Pierre durch Zufall Maries Entdeckung gemacht? Das Ergebnis für unser heutiges Leben wäre annähernd gleich – doch der Entdecker wäre ein anderer gewesen.

Das Schöne am Spinnen der Fäden sind die Möglichkeiten.

Weil sie so viele Möglichkeiten bieten, so vieles mit sich machen lassen.

Jetzt ist es an dir – wie siehst du das mit dem Spinnen der Fäden und dem Verweben der Schicksale?